Bahrenfeld, Friedensallee 39, september 1970, 03:00 uur.
Friedensallee 39, Bahrenfeld: Im September 1970 stehen nachts um drei Uhr die RAF-Terroristen Andreas Baader und Horst Mahler vor der Tür von Stefan Aust. Der 24-jährige Journalist ist gewarnt worden und flieht im letzten Moment. Die RAF will sich an Aust rächen: Aust ist wenige Wochen zuvor nach Sizilien gereist und hat die Meinhof-Zwillinge aus dem RAF-Versteck befreit. Damit hat er die Pläne der Terroristen, die Mädchen in ein Ausbildungslager für palästinensische Waisen nach Jordanien zu bringen, durchkreuzt. Jetzt übernimmt der Vater die Erziehung – das hat Ulrike Meinhof verhindern wollen.
Hamburg-Bahrenfeld, Stresemannstraße, 15 juli 1971, 14:15 uur.
Stresemannstraße in Bahrenfeld, 15. Juli 1971: An diesem Tag läuft die Aktion “Hecht”: Um Baader-Meinhof-Mitglieder zu fassen, sperrt die Polizei in ganz Norddeutschland wichtige Straßen. Um 14.15 Uhr durchbricht ein blauer BMW 2002 auf der Stresemannstraße eine der Sperren. Nach einer Verfolgsgungsjagd wird das Fahrzeug im Bahrenfelder Kirchenweg gestoppt. Die 20-jährige Terroristin Petra Schelm und ihr Begleiter Werner Hoppe springen aus dem Auto, flüchten. Schelm versteckt sich in einem Hauseingang. Ein Polizeibeamter entdeckt sie, ruft: “Mädchen, mach keinen Quatsch, gib auf!” Als sie schießt, schießt der Beamte zurück und trifft sie tödlich. Werner Hoppe wird wenig später in einem Sumpfgelände hinter der Autobahntrasse gestellt.
Im Rahmen einer Großfahndung im gesamten norddeutschen Raum nach etwa fünfzig Mitgliedern der RAF durchbrach Schelm in Begleitung des RAF-Mitglieds Werner Hoppe am 15. Juli 1971 mit ihrem Wagen eine Straßensperre in der Hamburger Stresemannstraße. Nach einer Verfolgungsjagd wurde das Fahrzeug im Bahrenfelder Kirchenweg gestoppt. Hoppe und Schelm sprangen aus dem Fahrzeug, feuerten mehrmals auf die sie verfolgenden Polizisten und flüchteten zu Fuß über die Von-Sauer-Straße in die Reineckestraße. In den Gärten hinter der Straße trennten sich Hoppe und Schelm. Wieder auf der Reineckestraße, wurde Petra Schelm von einem der Polizisten entdeckt und angerufen. Sie schoss sofort nacheinander auf zwei Polizisten. Einer von ihnen erwiderte mit einer Maschinenpistole das Feuer und verletzte sie tödlich mit einem Schuss schräg unter das linke Auge. Laut Augenzeugenberichten lag Petra Schelm nach dem tödlichen Schuss noch etwa 10 Minuten auf dem Pflaster, ohne dass Erste Hilfe geleistet wurde. Der Schütze beteiligte sich demnach weiter an der Verfolgung Werner Hoppes, der einige Minuten später im Sumpfgelände hinter der Autobahntrasse überwältigt und festgenommen wurde.
Poppenbüttel, Heegbarg 32-34, 21 oktober 1971.
Heegbarg, Poppenbüttel: Hier benutzt die RAF 1971 die Wohnung eines damals bekannten Liedermachers als Bleibe. Am 21. Oktober kommen etliche Terroristen dort zu einem Treffen zusammen. Spät in der Nacht will Ulrike Meinhof noch einmal telefonieren. Sie fordert Margit Schiller und Gerhard Müller auf, sie aus Sicherheitsgründen zur Telefonzelle zu begleiten. Zu selben Zeit sitzen draußen zwei Zivilfahnder in ihrem Ford 17M. Es sind die Beamten Norbert Schmid und Heinz Lemke. Eine Verfolgungsjagd beginnt. Am Ende liegt der 32-jährige Polizist Schmid tot auf der Straße – das erste Mordopfer der RAF. Todesschütze Gerhard Müller wird 1972 gefasst, stellt sich als Kronzeuge zur Verfügung, wird nach kurzer Zeit aus der Haft entlassen und taucht mit neuer Identität unter.
Rotherbaum, Heimhuder Straße 82, 4 maart 1972.
Heimhuder Straße 82, feinste Wohngegend in Rotherbaum am 4. März 1972: Hier hat die RAF eine Fälscherwerkstatt eingerichtet. Fünf Kripoleute besetzen die Wohnung und warten. Um 22.45 Uhr wollen die RAF-Terroristen Manfred Grashof (27) und Wolfgang Grundmann (25) die Wohnung betreten. Hauptkommissar Hans Eckardt (50), Chef einer Sonderkommission, schreit: “Hände hoch! Polizei!” Grashof zögert nicht, eröffnet eiskalt das Feuer, schießt ihn nieder und wird dann selbst von Polizeikugeln niedergestreckt. Der Polizist stirbt, Grashof überlebt, wird 1988 begnadigt. Grundmann kommt 1976 frei.
Kaiser-Wilhelm-Straße 20, 19 mei 1972.
Sitz des Axel-Springer-Verlags. Kaiser-Wilhelm-Straße, Sitz des Axel-Springer-Verlags. Es ist der 19. Mai 1972: In den Tagen zuvor hat die RAF Rohrbomben beim “V. US-Korps” in Frankfurt, in einer Augsburger Polizeidirektion und auf dem Parkplatz des Münchner Landeskriminalamtes gezündet. Die Telefonistin des Springer-Verlags hätte eigentlich alarmiert sein müssen, als um 15.30 Uhr ein Anrufer ankündigt: “In fünf Minuten geht eine Bombe hoch!” Doch sie hält den Anrufer für einen Spinner. Um 15.41 Uhr detoniert der erste Sprengsatz, wenige Minuten später zwei weitere. 17 Menschen werden verletzt, darunter vor allem Mitarbeiter des Korrektorats. Am nächsten Tag entschärft die Polizei noch drei Bomben.
Jungfernstieg 41, 7 juni 1972.
Boutique “Linette”.Jungfernstieg, Boutique “Linette”, 7. Juni 1972: Sechs Tage zuvor sind in Frankfurt Holger Meins, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe verhaftet worden. Gudrun Ensslin, die sich ebenfalls in Frankfurt aufgehalten hat, wechselt deshalb nach Hamburg. Von einem Taxifahrer fühlt sie sich erkannt, eilt in die Boutique, um sich neue Kleidung zu besorgen. Sie lässt sich mehrere Pullover zeigen, legt dazu ihre Lederjacke ab. Als eine Verkäuferin die Jacke wegräumen will, spürt sie, dass sich in einer der Taschen ein Revolver befindet. Die Boutique-Chefin ruft die Polizei. Als ein Funkstreifenwagen eintrifft, kommt es zum Kampf. Die beiden Polizeibeamten überwältigen Gudrun Ensslin und finden noch eine zweite Schusswaffe bei ihr.
Molkenbuhrstraße 6, 18 november 1974.
Friedhof Stellingen, Molkenbuhrstraße 6. Linker Friedhof, Feld II, Reihe 30, zweites Grab auf der linken Seite.
Am 18. November 1974 wird hier der RAF-Terrorist Holger Meins beigesetzt – nach Petra Schelm der zweite Tote unter den RAF-Terroristen. 5000 Menschen wohnen der Beerdigung im Familiengrab bei, darunter Rudi Dutschke, der Wortführer der Studentenbewegung, der am Grab mit erhobener linker Faust ruft: “Holger, der Kampf geht weiter!” Der Tod von Meins polarisiert die deutsche Gesellschaft und radikalisiert die Linke. Weil Meins in der Justizvollzugsanstalt Wittlich an den Folgen eines Hungerstreiks gestorben ist, wird den Behörden eine Mitschuld gegeben. Meins – 1941 als Sohn eines Hamburger Kaufmanns in Eimsbüttel geboren – wog bei seinem Tod nur noch 39 Kilo.
Hamburg-Neustadt, Colonnaden 49, 18 juni 1976. Colonnaden 49, Neustadt: Am 18. Juni 1976 werfen Attentäter in der Mittagspause eine Brandbombe in die Kanzlei des Rechtsanwalts Klaus-Jürgen Langner (43). Während sich der Anwalt und weitere Mitarbeiter retten können, verirrt sich die Sekretärin Johanna K. in der verqualmten Kanzlei und wird von Feuerwehrleuten geborgen. Drei Tage später stirbt die 54-Jährige. Kurz vor dem Anschlag hat Anwalt Langner telefonisch eine Drohung erhalten: “Leg dein Mandat nieder!” Langner ist Pflichtverteidiger der Terroristin Margrit Schiller. Die RAF-Terroristen aber wollen sich nur von Anwälten ihres Vertrauens verteidigen lassen.
Winterhuder Marktplatz 6, 21 januari 1978. Glocken-Apotheke.
“Glocken-Apotheke”, Winterhuder Markt: Es ist der 21. Januar 1978. Polizeimeister Jürgen T. (24) wird zusammen mit seinem Kollegen Friedrich F. (35) gegen 11.15 Uhr zu einem Routineeinsatz am Winterhuder Markt gerufen. In der “Glocken-Apotheke” hält der Apotheker eine Rezeptfälscherin fest. Doch die entpuppt sich beim Eintreffen der Beamten als RAF-Terroristin Christine Kuby. Die 21-Jährige greift zur Tasche ihres Mantels, zieht eine schwere Colt-Pistole und feuert. Eine Kugel trifft den Polizisten Jürgen T. in die Brust. Doch zwei Notizblöcke, eine Mappe und ein Packen Strafzettel fangen das Geschoss ab. Sein Kollege schießt zurück, trifft Christine Kuby in Arm und Bauch. Sie überlebt, wohnt seit ihrer Haftentlassung im Jahr 1995 in Hamburg.
Am Vorabend war die 21jährige Christine Kuby in seinen Laden gekommen und hatte ein Rezept über ungewöhnlich große Mengen des Schmerzmittels Fortal vorgelegt (wie sich später herausstellte, war das Mittel für den drogenabhängigen Terroristen Peter-Jürgen Boock bestimmt). G. erkannte sofort, daß das Rezept gefälscht war, vertröstete die junge Frau mit der großen Brille auf den nächsten Morgen. Sie kam pünktlich, um 11 Uhr. Sie trug einen langen hellen Wollmantel. Der Apotheker verriegelte hinter ihr die Apothekentür und alarmierte die Polizei. Vier Minuten später waren die Beamten des Streifenwagens “Peter 44/1” vor Ort: Der damals 24 Jahre alte Polizeimeister Jürgen T. und sein Kollege Friedrich F., damals 35, glaubten an einen Routinefall, an eine Drogenabhängige vielleicht. Sie nahmen Christine Kuby in die Mitte. Sie widersprach nicht. Statt dessen griff sie in die Tasche ihres Mantels, zog eine Automatik-Pistole Colt Combat Commander vom Kaliber 45 und feuerte auf die Beamten. Jürgen T. sackte getroffen zusammen, taumelte in die Apotheke, deren Fenster durch einen weiteren Schuß aus der Pistole von Christine Kuby zersplittert war. Drinnen kauerte Apotheker G. hinter dem Tresen, neben ihm seine Frau. Sekunden später lag Christine Kuby auf den Betonplatten des Winterhuder Marktplatzes. Friedrich F. hatte zurückgeschossen, die 21jährige an Ellenbogen und im Unterbauch getroffen. Die Kugel, die Jürgen T. getroffen hatte, steckte an einer Rippe. Sie hatte die Lederjacke des Beamten durchstoßen, zwei Notizblöcke und einen Strafzettelblock. Sein Arbeitsmaterial rettete Jürgen T. das Leben. Die Jacke und der Inhalt der Brusttasche hängen heute im Kriminalmuseum.
Paulinenallee 36. RAF woning. 1971-1974.
Eichenstr. 59. RAF woning.
Thiedeweg 56. RAF garage.
Johnsallee 58. RAF garage.
Haldesdorfer Str. 162. RAF garage.
Schillingskoppel. RAF parkeerplaats.
Papenhuder Str. 6. RAF parkeerplaats.
Hartwieusstr. 3. RAF parkeerplaats.
Blankenese, Ferdinands Höh 10.
Villa Rainer Röhl, Ulrike Meinhof.
Archief
Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Ludwigsburg
